22nd Sep, 2013

Zwei Briefmarken und zwei Schnitzel, bitte

Mein Heimatort Kissing ist ein ganz besonderer. Nicht nur, dass sein Name in der englischen Wikipedia gerne in einem Atemzug mit anderen Gemeinden wie Fucking, Petting, Dildo und dem Wank genannt wird, wir seit dem ersten Auftreten eines Kissingers um 763 n. Chr. den selben Bürgermeister haben, und dieser auch noch der SPD angehört (wohlgemerkt, Kissing liegt in Bayern!) - wir streben zudem die Weltherrschaft an. Oder wollen in naher Zukunft zumindest mit Metropolen wie New York, Paris und Tokio in einem Zug genannt werden. Deswegen werden immer mehr Felder mit Asphalt und Häusern überdeckt, neue Umgehungsstraßen gebaut und möglichst viele Firmen angeworben.

Im krassen Gegenteil zu dieser Expansionsstrategie der aufstrebenden Weltstadt hat sich das ortsansässige Postamt entwickelt. Kissing hat zwar immer mehr Kissinger, doch diese scheinen immer weniger Kontakt zur Außenwelt aufnehmen zu wollen. Fast fühlt man sich ein wenig an das Bergdorf aus Robert Schneiders Schlafes Bruder erinnert.
In meiner Kindheit war die Post noch ein richtiges Gebäude, mit Parkplätzen, Schaltern und grimmigen Postbeamten. Von drei Schaltern war immer nur einer offen, in der sich dahinter bildenden Schlange war vor einem selbst immer noch eine alte Oma, die, wenn sie endlich dran kam, mit unerschütterlicher Ruhe zehn Minuten lang die benötigten Pfennige für eine Briefmarke zusammensuchte.

Dann der erste Abstieg. Die beiden stets geschlossenen Schalter wurden vollständig wegrationiert, auch von dem Gebäude verabschiedete man sich. Begründung: "Umstrukturierung". Nur wohin jetzt? Man entschied sich für die naheliegendste Lösung. Einer der örtlichen Supermärkte verkleinerte seine Getränkeabteilung, und auf die kleine, freigewordene Fläche baute man einen Postschalter. Mit den zwei, meist unfreundlich guckenden Postbeamten dahinter erinnerte mich dieses Bild immer ein wenig an den Spielzeugpostschalter, den wir damals in meiner Krabbelgruppe im Kindergarten hatten.
Hatte man Glück und das Schalterchen hatte gerade offen, so konnte man einfach durch die Kasse gehen und beinahe geradeaus - den Weg behinderten höchstens die Eistruhe und gelegentliche Sonderangebote auf der Warenauslage. Hatte man Pech, war der direkte Durchgang durch die Kasse versperrt, und man musste den Umweg über die Obst- und Gemüseabteilung nehmen. Dann nur noch vorbei an den Regalen mit Süßigkeiten, erneut die Eistruhe umschiffen, und schon war man da. Verlassen musste man das "Postamt" natürlich wie den gesamten Supermarkt durch die Kasse - misstrauische Blicke der Kassiererinnen inklusive.

Neulich wurde besagter Supermarkt renoviert. Komplett alles neu gebaut. Nun hätte man ja vermuten können, dass die Supermarktkette, die in vielen ihrer Filialen weitere Geschäfte wie Apotheken und Friseure beherbergt, dem Postamt im Zuge des Umbaus einen eigenen, vom eigentlichen Supermarkt abgetrennten Bereich zugesteht.

Mit diesem Gedanken im Kopf und einem Paket unterm Arm marschierte ich neulich frohen Mutes in eben diesen Supermarkt. Und guckte erstmal doof. Von Post nix zu sehen. Im alten Gebäude konnte man zumindest noch erahnen, wo sich die Post befindet. Im Neuen half mir nicht einmal die Verkäuferin der Bäckerei, da sie den Laden nach eigener Aussage noch nie betreten habe. Eine Kundin erbarmte sich, und klaute mir mit dem Satz "Die Post? Die ist da, wo man sie erwartet - neben der Fleischtheke!" zugleich noch meinen Witz. Tatsächlich steht, lediglich durch die Käseauslage getrennt, nunmehr nur noch ein grimmiger Postbeamter hinter seinem Spielzeugpostschalter, der jetzt eher an eine Fleischtheke erinnert. Mehr als zwei Leute dürfen nicht anstehen, danach kommt die Kühltruhe mit Fertigpizzas. Menschen mit Einkaufswagen haben Vorfahrt, Rentner sowieso.
Der Anblick ist einfach zu lächerlich. Und der Beamte scheint darum zu wissen, denn hinter der gewohnten Grimmigkeit war, so schien mir, ein leichter Anflug der Verzweiflung und der Trauer auszumachen. Dennoch konnte ich nicht widerstehen, beim Aufgeben des Paketes noch 100 Gramm Aufschnitt und ein Paar Weißwürste zu bestellen - in der Hoffnung, bislang zumindest nicht der tausendste Kunde zu sein, der diesen Witz loslässt. Der arme Mann wird ihn in den nächsten Jahren noch oft hören.