22nd Sep, 2014

Radioaktive Monster-Yetis

„Ich hatte ja schon immer eine Heidenangst vor radioaktiven Monster-Yetis!“

„Radioaktive Monster-Yetis.“

„Ja! Die meisten Menschen fürchten sich ja vor so einfachen Dingen wie Weltkriegen, Zombie-Apokalypsen oder irgendwelchen Krankheiten, Krebs oder AIDS. Dabei ist das doch alles schon mal da gewesen. Gut, eine Zombie-Apokalypse noch nicht, aber da gibt es ja schon so viele Filme darüber, da wird mir keiner sagen können, dass er nicht wüsste, wie er sich im so einem Fall verhalten solle. Bewaffnen mit allem was geht, verhindern, dass man selbst gebissen wird, und immer ein Radio in Hörweite haben, damit man informiert wird, sobald die Armee ein geschütztes Lager für alle gesunden Flüchtlinge aufgebaut hat. Das kennt man, das ist bekannt, das ist langweilig. Aber radioaktive Monster-Yetis! Das fängt schon damit an, dass wir bis heute zwar wissen, dass der Yeti existiert, aber nicht wie er aussieht, wie stark er ist und wie viele Yetis überhaupt auf der Welt leben. Vielleicht ist das gesamte Himalaya-Gebirge ausgehöhlt, und in seinem Inneren befindet sich eine riesige Yeti-Stadt, mit Millionen von Bewohnern! Vielleicht sind sie uns technisch weit überlegen und bereiten gerade schon die Übernahme der Weltherrschaft vor, und das Einzige, was sie daran hindert ist die Tatsache, dass sie, im Vergleich zu uns Menschen, doch viel zu wenige sind, um uns zu unterjochen.
Aber jetzt lass da mal versehentlich eine Atombombe drauffallen, oder die Yetis ein neues Uranvorkommen im Berg entdecken! Die Radioaktivität wird dafür sorgen, dass sie grün leuchten, limonengrün, wird ihre Stärke und Intelligenz vervielfachen, und dafür sorgen, dass sie uns Menschen endgültig überlegen sind. Und DANN greifen sie uns an! Wir hätten keine Chance! Binnen weniger Tage wäre die komplette Menschheit ausgerottet, oder als Sklaven dem Willen der Yetis unterworfen.“

Ich neige meinen Kopf nach links in Richtung des Kellners, der bereits seit einer halben Stunde darauf bedacht war, immer möglichst in Hörweite unseres Tisches zu bedienen, und bedeute ihm, die Rechnung zu bringen. Er nickt mit dem Ausdruck professioneller Freundlichkeit und hoher Seriosität, wie man sie in einem derart teuren Lokal wie diesem von Kellnern erwarten durfte, doch bereits als er sich in Richtung der Kasse wendet, beginnen seine Gesichtszüge zu entgleisen und er muss sich wahrscheinlich stark zusammenreißen, um nicht laut loszulachen über das Apokalypse-Szenario, das meine Verabredung für den heutigen Abend gerade gezeichnet hatte.
Mir selbst war nicht mehr zu Lachen zumute, ich wollte nur noch weg. Die Rechnung zahlen, das Restaurant so schnell wie möglich verlassen, und hoffen, dass mein Date feinfühlig genug war, mich einfach ziehen zu lassen und nicht auf eine zweite Verabredung bei einer Ufo-Sichtung oder beim monatlichen Stammtisch der Scientologen zu pochen.

Ein Fluch, genau. Es musste ein Fluch sein. Sicherlich hatte vor hunderten von Jahren einer meiner Urururururopas einen Handel mit dem Teufel geschlossen, um sich eine neue Kutsche leisten zu können, oder was auch immer damals gerade angesagt und unerreichbar teuer war. Und anders als in den typischen Horrorfilmen hat er dafür nicht seine Seele verkaufen müssen, sondern nur das Liebesleben des ersten zukünftigen Sprosses seiner Familie, welcher männlich, 1,85m groß, braunäugig und blond ist, und ein Tattoo am rechten Oberarm trägt. Mit diesem Liebesleben würde der Teufel machen können, was er will - und der Teufel quält bekanntlich gerne.
Der Glückliche, der nun Opas Kutsche abbezahlen muss, bin ich. Anders kann ich mir die Kapriolen, die mein Liebesleben schlägt, seitdem ich eins habe, nicht mehr erklären. Ich lernte Frauen kennen, die gerne ein Mann wären, und welche, die es bei näherer Betrachtung bereits waren. Ich führte Beziehungen mit Frauen, die mir eine Hundemaske und Leine verpassen und mit mir Gassi gehen wollten, und Frauen, mit denen ich selbst Gassi gehen sollte. Ich schlief mit Frauen, die dabei weinten, lachten, mich beschimpften, schlugen und anpinkeln wollten. Ich wurde für andere Männer verlassen, für andere Frauen, und in einem ganz speziellen Fall für einen Schäferhund. Ich selbst trennte mich von Frauen, die mich nach der ersten Phase der Verliebtheit ihrem Gott opfern und/oder wortwörtlich zum Fressen gern hatten. Ja, man kann ohne Übertreibung behaupten, dass ich so ziemlich jeden Abgrund der menschlichen Psyche allein dank meines Fortpflanzungstriebes erforschen durfte.

Im Vergleich dazu war die Yeti-Dame geradezu enttäuschend normal. Aber das sind sie immer, zu Anfang, beim Kennenlernen. Ich mache mir eine geistige Notiz, dem gemeinsamen Bekannten, der es für eine gute Idee hielt, mich mit ihr zu verkuppeln, bei unserem nächsten gemeinsamen Bowlingabend ins Bier zu spucken. "Die sieht super aus, ist nett und würde total gut zu dir passen!" Ich Depp musste ihm natürlich glauben. Und wurde noch nichtmal misstrauisch, als sie nach Betreten des Lokals zunächst unseren Tisch zwei Meter nach rechts schob, unangenehm nah an einen Nachbartisch. Weil er zuvor auf einer Wasserader gestanden habe, und das schlecht für das Chi sei. Mittlerweile sollte ich es echt besser wissen. Aber wie gesagt, zu Anfang sind sie alle ganz nett und normal. Vielleicht blieben sie das auch bei jedem anderen Mann, nur ich mit meinem Fluch fördere direkt ihre tiefsten Abgründe zutage. So wie bei meiner heutigen Begleitung, die nach der Vorspeise bereits einen Heiratstermin (12.12.2012 um 12 Uhr 12) sowie Namen für unsere zukünftigen gemeinsamen Kinder (Jan-Justin und Clara-Celine), unser Auto (Raumschiff-Brumm-Brumm) und mich (Knuffi-Kuschelbär) gefunden hatte. Der Nachbartisch war übrigens für zwei meiner Arbeitskollegen reserviert, die zu Beginn noch schmunzelten, mittlerweile aber ziemlich unverhohlen grinsen. Das wird lustig, morgen im Büro.

Der Kellner bringt mir mit den Worten „Yeti an Sie, oder zahlen Sie getrennt?“ die Rechnung. Der Nachbartisch ist vor Lachen nicht mehr zu halten. Ich zahle, stehe auf, helfe meinem Yeti in seinen Mantel und verlasse mit ihr schnellstmöglich das Lokal. Vor der Tür täusche ich einen akuten Migräneanfall vor, winke ein Taxi herbei und verspreche meinem Date, mich bei ihr zu melden, noch bevor sie am Morgen im Norden die Sonne aufgehen sieht - und bin sie endlich los.
Ich gehe zu meinem Auto, steige ein und mache mich auf den Heimweg. Und während der Nachrichtenmoderator im Radio davon erzählt, dass im tibetischen Hochland eine beunruhigend hohe Radioaktivität gemessen wurde, komme ich zu dem Schluss, dass ich wohl besser für immer Single bleiben sollte.