23rd Sep, 2014

Offizieller Schwerkraftbesieger

Wenn die Liebste Geburtstag hat, schenkt Mann gerne Blumen, Parfum oder gar nichts, weil er's vergessen hat. Ich schenkte einen Bungeesprung und dachte mir, unten stehen und Fotos sowie zweifelhafte Kommentare zur Stabilität des Seils zu machen, während die Dame alleine springt, das ist doch blöd, also springst Du gleich mit. Nun habe ich zwar keine Angst vor Höhe und schon seit Jahren selbst den Traum, einmal Fallschirm zu springen, aber bislang blieb dieser Plan eben ein, nun ja, Traum. Der Gedanke, freiwillig in die Tiefe zu springen, war zwar einerseits sehr reizvoll, andererseits hatte ich keinen Zweifel daran, dass mir ganz schön die Pumpe gehen würde. Aber man ist ja Mann und keine Memme, also wurde ein Gutschein für einen Tandemsprung von einem Kran im Hamburger Hafen gekauft, verschenkt und als Termin gebucht. Die Dame war happy, ich war happy und der Termin lag lange in weiter Ferne, was mir, wenn ich ehrlich war, irgendwo auch ganz gut gefiel.

Bis neulich, als aus der weiten Ferne plötzlich morgen und dann heute Morgen wurde. Um 9 Uhr sollte unser Sprung stattfinden, um halb 7 bin ich bereits hellwach. Bei Gewitter sollte der Sprung kurzfristig seitens des Veranstalters abgesagt werden können, und so sehe jede kleine Wolke am sonst strahlend blauen Himmel hoffnungsvoll als Vorboten des Weltuntergangs an. Die Dame frühstückt ausgiebig, ich bin bereits nach zwei Schluck Wasser vollauf gesättigt. Kurz überlegt, ob ich eine akute Magenverstimmung vortäuschen soll. Dagegen entschieden. Das haben wir so bestellt, das wird jetzt so gegessen.

Am Hafen angekommen und vor dem Kran stehend. Gottistdashoch. 50 Meter sind in der Waagerechten schnell abgelaufen, in der Senkrechten aber durchaus imposant, wenn man weiß, dass man da runterfallen soll. Die frühmorgendliche Stille wird kurz durch das Geschrei der ersten Springer durchrissen. Ebenfalls ein Paarsprung. Sie kreischt, er ruft nach seiner Mutter, ich gucke die Liebste an, das könnten auch wir sein. Anmelden am Infostand, unterschreiben, dass man sich der physischen und psychischen Extrembelastungen bewusst und im Zweifelsfall Organspender sei, sofern denn noch etwas verwertbar wäre, im Fall des Falles. Er wäre hauptberuflich eigentlich Bestatter, meinte der Typ, der mir anschließend das Geschirr zum Springen anlegte. Dies sei sein erster Tag, aber er lerne schnell.

Mit angelegtem Geschirr gilt es danach, den Kran zu erklimmen. Enge, alte Treppen hinaufsteigen, das kennen die Liebste und ich schon aus dem Vatikan, das ist bekannt, da hat man Routine. Tatsächlich hat der Bungeesprung dem Petersdom hier sogar noch den Vorteil voraus, dass man die Treppen nur in eine Richtung nehmen muss. Und so ein alter Kran ist von innen tatsächlich ziemlich sehenswert, sofern man in der gegebenen Situation noch ein Auge dafür hat. Auf knapp 50 Metern, schon über den Dächern Hamburgs dann warten, bis das Paar vor uns gesprungen ist. Es dauert und es ist hoch, verdammt hoch. Mein Puls ist konstant irgendwo über der 200er-Marke angesiedelt. Langsam werde sie wieder müde und könne noch eine Runde schlafen, meint die Dame.

Wir werden aufgerufen. Die letzten Stufen steigen und Meter gehen, und dann steht man da plötzlich das erste Mal direkt am Abgrund, ohne Geländer und weiß, dass man da jetzt runter soll. Einfach so, mehr oder minder, denn der Gedanke an das Seil ist ein eher mäßiger Trost. Und dennoch - plötzlich war alles in Ordnung. Ich empfand sogar so etwas wie Vorfreude. 3, 2, 1, Bungee, und da flogen wir. Ein unheimlich tolles Gefühl, ich hätte es selber nicht gedacht. Ein viel zu kurzer Moment des freien Falls, das Abgebremst und wieder nach oben geschleudert werden durch das Seil, freier Fall, gebremst werden und dann ist der Spaß leider auch schon fast wieder vorbei. Man hängt kopfüber, dreht sich wild im Kreis und soll nach einer Stange greifen, die man vor lauter Drehen nicht sieht, um wieder auf festen Boden gezogen zu werden. Wenn man gerade 50 Meter freien Fall hinter sich hat, ist das auch keine Herausforderung mehr.

Fazit: Springt mehr Bungee! Die Liebste fand’s klasse, ich fand’s klasse, und das nächste Projekt ist bereits ins Auge gefasst: 220 Meter vom Verzasca Staudamm, von dem auch schon James Bond sprang. Nächster Sommer dann.

Um 9 Uhr an einem Sonntagmorgen Bungee zu springen, das sei tausendmal besser, als nach einer durchzechten Kiez-Nacht am Fischmarkt zu frühstücken, meinte der Geschirr-Typ vor dem Sprung noch zu mir. Er sollte recht behalten.