22nd Aug, 2014

Frau Hart

In jeder guten Nachbarschaft gibt es mindestens einen Menschen, der die wichtige Aufgabe innehat, Gerüchte, Fakten und Halbwahrheiten über alle Anwohner zu sammeln, zu kultivieren und zu verbreiten. Nennen wir ihn mal die Tratschtante.

Für gewöhnlich mag niemand diese Tratschtante. Sie könnte ja schließlich auch auf die eigene Leiche stoßen, die man so vorsichtig im Keller hinter Opas Gartenzwergen versteckt hat. Außerdem macht die Tratschtante zumeist keinen großen Hehl um ihre Neugier und bedient sich verschiedenster Methoden, um an neue Gerüchte und Entdeckungen zu gelangen. Die sind überwiegend nur minder diskret, und wer mag schon einen Menschen, der mit einem Fernglas bewaffnet durch das frisch angelegte Begonienbeet robbt, nur um einen Blick auf die neue Freundin des Besitzers dieses Beetes zu erhaschen?

Obwohl sie niemand leiden kann, mangelt es der Tratschtante nicht an Gesprächspartnern. Denn insgeheim freut man sich ja schon, zu erfahren, dass Nachbar Meier die eigene Einfahrt nur darum nicht mehr zuparkt, weil ihm der Führerschein abgenommen wurde. "Weil der Depp g'soffen hat. Am Steuer! Hatte noch die Bierflasche inner Hand! Nuja, zuvor hatte der ja auch nen Streit mit seiner Frau. Mal wieder. Ich sag's Ihnen, die lässt den alten Lump bald allein! Grad' jetzt, wo er sie nimmer zum Yoga fahren kann."
Das führt zum zweiten Grund, weswegen die Tratschtante immer einen mehr oder minder Freiwilligen für eine Konversation findet: sie redet ohne Punkt und Komma, unter permanentem Ignorieren aller Anzeichen von Desinteresse oder Fluchtgedanken im Gesicht ihres Gesprächspartners. Wer ihr begegnet, sollte genügend Zeit mitbringen, sowie ein gutes Buch zur Ablenkung, eine Sitzgelegenheit und eine Brotzeit.

Natürlich gibt es auch in meiner Nachbarschaft so eine Tratschtante. Nennen wir sie Frau Hart. Sie hatte bereits einen kleinen Auftritt hier - und wird voraussichtlich noch öfters auftauchen.
Frau Hart ist - wie die meisten Tratschtanten - eine Frau gesetzteren Alters, und dürfte bereits in jungen Jahren als Spitzel im römischen Reich gearbeitet haben. Daher stammt ihre umfassende Ausbildung in Beobachtung, Überwachung, Abhören und Gartenpflege.
Als Deckung für ihre Aufklärungsarbeit dient ihr ein simples Laster - das Rauchen. Angesichts des Zigarettenkonsums, der notwendig ist, um wenigstens stündlich ihren Beobachtungsposten - ihren Garten - zu beziehen, müsste sie an sich schon längst Papa Lungenkrebs erlegen sein. Offensichtlich hat Frau Hart jedoch ein dunkles Geheimnis des Todes aufgedeckt, und erpresst ihn jetzt damit - der Sensenmann hat sich bis dato jedenfalls nicht getraut, an ihre Türe zu klopfen.

Fürs Erste sollen diese wenigen Zeilen zu Frau Hart genügen. Sie wird in weiteren Einträgen genauer vorgestellt, bekommt ein wenig Handlung und gar einige Sätze Sprachrolle - sobald ich Zeit und Lust dafür habe.