Radioaktive Monster-Yetis

„Ich hatte ja schon immer eine Heidenangst vor radioaktiven Monster-Yetis!“

„Radioaktive Monster-Yetis.“

„Ja! Die meisten Menschen fürchten sich ja vor so einfachen Dingen wie Weltkriegen, Zombie-Apokalypsen oder irgendwelchen Krankheiten, Krebs oder AIDS. Dabei ist das doch alles schon mal da gewesen. Gut, eine Zombie-Apokalypse noch nicht, aber da gibt es ja schon so viele Filme darüber, da wird mir keiner sagen können, dass er nicht wüsste, wie er sich im so einem Fall verhalten solle. Bewaffnen mit allem was geht, verhindern, dass man selbst gebissen wird, und immer ein Radio in Hörweite haben, damit man informiert wird, sobald die Armee ein geschütztes Lager für alle gesunden Flüchtlinge aufgebaut hat. Das kennt man, das ist bekannt, das ist langweilig. Aber radioaktive Monster-Yetis! Das fängt schon damit an, dass wir bis heute zwar wissen, dass der Yeti existiert, aber nicht wie er aussieht, wie stark er ist und wie viele Yetis überhaupt auf der Welt leben. Vielleicht ist das gesamte Himalaya-Gebirge ausgehöhlt, und in seinem Inneren befindet sich eine riesige Yeti-Stadt, mit Millionen von Bewohnern! Vielleicht sind sie uns technisch weit überlegen und bereiten gerade schon die Übernahme der Weltherrschaft vor, und das Einzige, was sie daran hindert ist die Tatsache, dass sie, im Vergleich zu uns Menschen, doch viel zu wenige sind, um uns zu unterjochen.
Aber jetzt lass da mal versehentlich eine Atombombe drauffallen, oder die Yetis ein neues Uranvorkommen im Berg entdecken! Die Radioaktivität wird dafür sorgen, dass sie grün leuchten, limonengrün, wird ihre Stärke und Intelligenz vervielfachen, und dafür sorgen, dass sie uns Menschen endgültig überlegen sind. Und DANN greifen sie uns an! Wir hätten keine Chance! Binnen weniger Tage wäre die komplette Menschheit ausgerottet, oder als Sklaven dem Willen der Yetis unterworfen.“

Ich neige meinen Kopf nach links in Richtung des Kellners, der bereits seit einer halben Stunde darauf bedacht war, immer möglichst in Hörweite unseres Tisches zu bedienen, und bedeute ihm, die Rechnung zu bringen. Er nickt mit dem Ausdruck professioneller Freundlichkeit und hoher Seriosität, wie man sie in einem derart teuren Lokal wie diesem von Kellnern erwarten durfte, doch bereits als er sich in Richtung der Kasse wendet, beginnen seine Gesichtszüge zu entgleisen und er muss sich wahrscheinlich stark zusammenreißen, um nicht laut loszulachen über das Apokalypse-Szenario, das meine Verabredung für den heutigen Abend gerade gezeichnet hatte.
Mir selbst war nicht mehr zu Lachen zumute, ich wollte nur noch weg. Die Rechnung zahlen, das Restaurant so schnell wie möglich verlassen, und hoffen, dass mein Date feinfühlig genug war, mich einfach ziehen zu lassen und nicht auf eine zweite Verabredung bei einer Ufo-Sichtung oder beim monatlichen Stammtisch der Scientologen zu pochen.

Ein Fluch, genau. Es musste ein Fluch sein. Sicherlich hatte vor hunderten von Jahren einer meiner Urururururopas einen Handel mit dem Teufel geschlossen, um sich eine neue Kutsche leisten zu können, oder was auch immer damals gerade angesagt und unerreichbar teuer war. Und anders als in den typischen Horrorfilmen hat er dafür nicht seine Seele verkaufen müssen, sondern nur das Liebesleben des ersten zukünftigen Sprosses seiner Familie, welcher männlich, 1,85m groß, braunäugig und blond ist, und ein Tattoo am rechten Oberarm trägt. Mit diesem Liebesleben würde der Teufel machen können, was er will - und der Teufel quält bekanntlich gerne.
Der Glückliche, der nun Opas Kutsche abbezahlen muss, bin ich. Anders kann ich mir die Kapriolen, die mein Liebesleben schlägt, seitdem ich eins habe, nicht mehr erklären. Ich lernte Frauen kennen, die gerne ein Mann wären, und welche, die es bei näherer Betrachtung bereits waren. Ich führte Beziehungen mit Frauen, die mir eine Hundemaske und Leine verpassen und mit mir Gassi gehen wollten, und Frauen, mit denen ich selbst Gassi gehen sollte. Ich schlief mit Frauen, die dabei weinten, lachten, mich beschimpften, schlugen und anpinkeln wollten. Ich wurde für andere Männer verlassen, für andere Frauen, und in einem ganz speziellen Fall für einen Schäferhund. Ich selbst trennte mich von Frauen, die mich nach der ersten Phase der Verliebtheit ihrem Gott opfern und/oder wortwörtlich zum Fressen gern hatten. Ja, man kann ohne Übertreibung behaupten, dass ich so ziemlich jeden Abgrund der menschlichen Psyche allein dank meines Fortpflanzungstriebes erforschen durfte.

Im Vergleich dazu war die Yeti-Dame geradezu enttäuschend normal. Aber das sind sie immer, zu Anfang, beim Kennenlernen. Ich mache mir eine geistige Notiz, dem gemeinsamen Bekannten, der es für eine gute Idee hielt, mich mit ihr zu verkuppeln, bei unserem nächsten gemeinsamen Bowlingabend ins Bier zu spucken. "Die sieht super aus, ist nett und würde total gut zu dir passen!" Ich Depp musste ihm natürlich glauben. Und wurde noch nichtmal misstrauisch, als sie nach Betreten des Lokals zunächst unseren Tisch zwei Meter nach rechts schob, unangenehm nah an einen Nachbartisch. Weil er zuvor auf einer Wasserader gestanden habe, und das schlecht für das Chi sei. Mittlerweile sollte ich es echt besser wissen. Aber wie gesagt, zu Anfang sind sie alle ganz nett und normal. Vielleicht blieben sie das auch bei jedem anderen Mann, nur ich mit meinem Fluch fördere direkt ihre tiefsten Abgründe zutage. So wie bei meiner heutigen Begleitung, die nach der Vorspeise bereits einen Heiratstermin (12.12.2012 um 12 Uhr 12) sowie Namen für unsere zukünftigen gemeinsamen Kinder (Jan-Justin und Clara-Celine), unser Auto (Raumschiff-Brumm-Brumm) und mich (Knuffi-Kuschelbär) gefunden hatte. Der Nachbartisch war übrigens für zwei meiner Arbeitskollegen reserviert, die zu Beginn noch schmunzelten, mittlerweile aber ziemlich unverhohlen grinsen. Das wird lustig, morgen im Büro.

Der Kellner bringt mir mit den Worten „Yeti an Sie, oder zahlen Sie getrennt?“ die Rechnung. Der Nachbartisch ist vor Lachen nicht mehr zu halten. Ich zahle, stehe auf, helfe meinem Yeti in seinen Mantel und verlasse mit ihr schnellstmöglich das Lokal. Vor der Tür täusche ich einen akuten Migräneanfall vor, winke ein Taxi herbei und verspreche meinem Date, mich bei ihr zu melden, noch bevor sie am Morgen im Norden die Sonne aufgehen sieht - und bin sie endlich los.
Ich gehe zu meinem Auto, steige ein und mache mich auf den Heimweg. Und während der Nachrichtenmoderator im Radio davon erzählt, dass im tibetischen Hochland eine beunruhigend hohe Radioaktivität gemessen wurde, komme ich zu dem Schluss, dass ich wohl besser für immer Single bleiben sollte.

Frau Hart

In jeder guten Nachbarschaft gibt es mindestens einen Menschen, der die wichtige Aufgabe innehat, Gerüchte, Fakten und Halbwahrheiten über alle Anwohner zu sammeln, zu kultivieren und zu verbreiten. Nennen wir ihn mal die Tratschtante.

Für gewöhnlich mag niemand diese Tratschtante. Sie könnte ja schließlich auch auf die eigene Leiche stoßen, die man so vorsichtig im Keller hinter Opas Gartenzwergen versteckt hat. Außerdem macht die Tratschtante zumeist keinen großen Hehl um ihre Neugier und bedient sich verschiedenster Methoden, um an neue Gerüchte und Entdeckungen zu gelangen. Die sind überwiegend nur minder diskret, und wer mag schon einen Menschen, der mit einem Fernglas bewaffnet durch das frisch angelegte Begonienbeet robbt, nur um einen Blick auf die neue Freundin des Besitzers dieses Beetes zu erhaschen?

Obwohl sie niemand leiden kann, mangelt es der Tratschtante nicht an Gesprächspartnern. Denn insgeheim freut man sich ja schon, zu erfahren, dass Nachbar Meier die eigene Einfahrt nur darum nicht mehr zuparkt, weil ihm der Führerschein abgenommen wurde. "Weil der Depp g'soffen hat. Am Steuer! Hatte noch die Bierflasche inner Hand! Nuja, zuvor hatte der ja auch nen Streit mit seiner Frau. Mal wieder. Ich sag's Ihnen, die lässt den alten Lump bald allein! Grad' jetzt, wo er sie nimmer zum Yoga fahren kann."
Das führt zum zweiten Grund, weswegen die Tratschtante immer einen mehr oder minder Freiwilligen für eine Konversation findet: sie redet ohne Punkt und Komma, unter permanentem Ignorieren aller Anzeichen von Desinteresse oder Fluchtgedanken im Gesicht ihres Gesprächspartners. Wer ihr begegnet, sollte genügend Zeit mitbringen, sowie ein gutes Buch zur Ablenkung, eine Sitzgelegenheit und eine Brotzeit.

Natürlich gibt es auch in meiner Nachbarschaft so eine Tratschtante. Nennen wir sie Frau Hart. Sie hatte bereits einen kleinen Auftritt hier - und wird voraussichtlich noch öfters auftauchen.
Frau Hart ist - wie die meisten Tratschtanten - eine Frau gesetzteren Alters, und dürfte bereits in jungen Jahren als Spitzel im römischen Reich gearbeitet haben. Daher stammt ihre umfassende Ausbildung in Beobachtung, Überwachung, Abhören und Gartenpflege.
Als Deckung für ihre Aufklärungsarbeit dient ihr ein simples Laster - das Rauchen. Angesichts des Zigarettenkonsums, der notwendig ist, um wenigstens stündlich ihren Beobachtungsposten - ihren Garten - zu beziehen, müsste sie an sich schon längst Papa Lungenkrebs erlegen sein. Offensichtlich hat Frau Hart jedoch ein dunkles Geheimnis des Todes aufgedeckt, und erpresst ihn jetzt damit - der Sensenmann hat sich bis dato jedenfalls nicht getraut, an ihre Türe zu klopfen.

Fürs Erste sollen diese wenigen Zeilen zu Frau Hart genügen. Sie wird in weiteren Einträgen genauer vorgestellt, bekommt ein wenig Handlung und gar einige Sätze Sprachrolle - sobald ich Zeit und Lust dafür habe.

Zwei Briefmarken und zwei Schnitzel, bitte

Mein Heimatort Kissing ist ein ganz besonderer. Nicht nur, dass sein Name in der englischen Wikipedia gerne in einem Atemzug mit anderen Gemeinden wie Fucking, Petting, Dildo und dem Wank genannt wird, wir seit dem ersten Auftreten eines Kissingers um 763 n. Chr. den selben Bürgermeister haben, und dieser auch noch der SPD angehört (wohlgemerkt, Kissing liegt in Bayern!) - wir streben zudem die Weltherrschaft an. Oder wollen in naher Zukunft zumindest mit Metropolen wie New York, Paris und Tokio in einem Zug genannt werden. Deswegen werden immer mehr Felder mit Asphalt und Häusern überdeckt, neue Umgehungsstraßen gebaut und möglichst viele Firmen angeworben.

Im krassen Gegenteil zu dieser Expansionsstrategie der aufstrebenden Weltstadt hat sich das ortsansässige Postamt entwickelt. Kissing hat zwar immer mehr Kissinger, doch diese scheinen immer weniger Kontakt zur Außenwelt aufnehmen zu wollen. Fast fühlt man sich ein wenig an das Bergdorf aus Robert Schneiders Schlafes Bruder erinnert.
In meiner Kindheit war die Post noch ein richtiges Gebäude, mit Parkplätzen, Schaltern und grimmigen Postbeamten. Von drei Schaltern war immer nur einer offen, in der sich dahinter bildenden Schlange war vor einem selbst immer noch eine alte Oma, die, wenn sie endlich dran kam, mit unerschütterlicher Ruhe zehn Minuten lang die benötigten Pfennige für eine Briefmarke zusammensuchte.

Dann der erste Abstieg. Die beiden stets geschlossenen Schalter wurden vollständig wegrationiert, auch von dem Gebäude verabschiedete man sich. Begründung: "Umstrukturierung". Nur wohin jetzt? Man entschied sich für die naheliegendste Lösung. Einer der örtlichen Supermärkte verkleinerte seine Getränkeabteilung, und auf die kleine, freigewordene Fläche baute man einen Postschalter. Mit den zwei, meist unfreundlich guckenden Postbeamten dahinter erinnerte mich dieses Bild immer ein wenig an den Spielzeugpostschalter, den wir damals in meiner Krabbelgruppe im Kindergarten hatten.
Hatte man Glück und das Schalterchen hatte gerade offen, so konnte man einfach durch die Kasse gehen und beinahe geradeaus - den Weg behinderten höchstens die Eistruhe und gelegentliche Sonderangebote auf der Warenauslage. Hatte man Pech, war der direkte Durchgang durch die Kasse versperrt, und man musste den Umweg über die Obst- und Gemüseabteilung nehmen. Dann nur noch vorbei an den Regalen mit Süßigkeiten, erneut die Eistruhe umschiffen, und schon war man da. Verlassen musste man das "Postamt" natürlich wie den gesamten Supermarkt durch die Kasse - misstrauische Blicke der Kassiererinnen inklusive.

Neulich wurde besagter Supermarkt renoviert. Komplett alles neu gebaut. Nun hätte man ja vermuten können, dass die Supermarktkette, die in vielen ihrer Filialen weitere Geschäfte wie Apotheken und Friseure beherbergt, dem Postamt im Zuge des Umbaus einen eigenen, vom eigentlichen Supermarkt abgetrennten Bereich zugesteht.

Mit diesem Gedanken im Kopf und einem Paket unterm Arm marschierte ich neulich frohen Mutes in eben diesen Supermarkt. Und guckte erstmal doof. Von Post nix zu sehen. Im alten Gebäude konnte man zumindest noch erahnen, wo sich die Post befindet. Im Neuen half mir nicht einmal die Verkäuferin der Bäckerei, da sie den Laden nach eigener Aussage noch nie betreten habe. Eine Kundin erbarmte sich, und klaute mir mit dem Satz "Die Post? Die ist da, wo man sie erwartet - neben der Fleischtheke!" zugleich noch meinen Witz. Tatsächlich steht, lediglich durch die Käseauslage getrennt, nunmehr nur noch ein grimmiger Postbeamter hinter seinem Spielzeugpostschalter, der jetzt eher an eine Fleischtheke erinnert. Mehr als zwei Leute dürfen nicht anstehen, danach kommt die Kühltruhe mit Fertigpizzas. Menschen mit Einkaufswagen haben Vorfahrt, Rentner sowieso.
Der Anblick ist einfach zu lächerlich. Und der Beamte scheint darum zu wissen, denn hinter der gewohnten Grimmigkeit war, so schien mir, ein leichter Anflug der Verzweiflung und der Trauer auszumachen. Dennoch konnte ich nicht widerstehen, beim Aufgeben des Paketes noch 100 Gramm Aufschnitt und ein Paar Weißwürste zu bestellen - in der Hoffnung, bislang zumindest nicht der tausendste Kunde zu sein, der diesen Witz loslässt. Der arme Mann wird ihn in den nächsten Jahren noch oft hören.